KONZERT / „Stäffelesgeiger" auf der Ruine Hohenstein

Kernige Witze und "Lompaliadr"
Deftiger urwüchsiger Humor als Markenzeichen der Schwaben - Liedgut bewahren
"Gottes schönste Gabe ist der Schwabe." Dieses kecke Postulat wird kaum bezweifeln, wer am Freitagabend auf der Burgruine Hohenstein weilte. Die Stäffelesgeiger servierten zum Auftakt der Veranstaltungsreihe Kultur in der Ruine musikalische Vollwertkost für schwäbische Genießer.
MARION SCHRADE 

Wulf Wager erweist sich nicht als ein Freund von "Tütensuppen". Kräftig derbe Witze und urwüchsige Tanzbodenmusik waren die Zutaten der Stäffelesgeiger am Freitagabend bei ihrem Auftritt auf der Ruine Hohenstein.
FOTOS: MARION SCHRADE 



HOHENSTEIN

Die schwäbische Seele zählt bekanntlich nicht zu den ganz zartbesaiteten in deutschen Landen. Da darfs gerne mal ein bisschen mehr sein, ruhig ein bisschen kernig und derb. Dennoch warnen die Stäffelesgeiger: "Bei dieser Veranstaltung könnte Ihre Moral Schaden nehmen. Zutritt nur auf eigene Gefahr." Nun, Schäden lassen sich schließlich in bekannt schwäbisch-patenter Manier auch immer wieder reparieren. Moral hin oder her. Wer die Stäffelesgeiger besucht, hat den inneren Anstandswauwau zugunsten der schwäbischen "Feschtsau" zu Hause gelassen. Was die Stäffelesgeiger so alles in Tönen und Worten produzieren, lässt sich mit einem schwäbischen Hausmanns-Menü vergleichen: deftig, reichlich und immer so, dass man auch ein paar Stunden nach der Einnahme noch ein wohliges Gefühl mit sich herumtragen kann.

Genauso ist das mit den Stäffelesgeigern. Kernige Wirtshauswitze, derbe "Lompaliadr" und urwüchsige Tanzbodenmusik werden ansprechend vom musikalisch-schwäbischen Quartett serviert, sodann vom Publikum genüsslich goutiert. Und auch ein paar Stunden nach der Nahrungsaufnahme fürs Gemüt ist alles bestens. Kein flaues Gefühl im Magen, kein Bauchgrimmen - sondern der Nachgeschmack eines vorzüglichen Mahls, der selbiges nicht so schnell vergessen lässt. Denn Monika "Streichesanft" Mahr, Elke "Edelweiß" Stauber-Micko, Sigmar, "die Biotonne" - weil Vegetarier - Gothe und Wulf Wüterich Wager am Basso brutale servieren musikalische Vollwertkost. Lieder von fetten Lehrern, die den Kindern das Vesper wegfressen oder Mädchen, die sich die Haare mit der Mistgabel eindrehen, machen Appetit auf mehr. Wulf Wager, bekannt als Moderator der Südwest 3-Fernsehsendung "Wies der Brauch isch", legt sogleich ordentlich nach. Ob überfromme Geistlichkeit, Fernsehgrößen oder der Badenser - die natürlichen Feinde eines ordentlichen Schwaben werden verbal in ihre Einzelteile zerlegt. Natürlich ganz wie beim Chefkoch, mit Liebe und Sachverstand.

Adam wird schnell aufgrund seiner Verfahrensweise mit dem Apfel als Nicht-Schwabe klassifiziert: "Der hätt da Äpfel net gessa, sondern gmostet." Oval-Office-Luder Monika Lewinsky wird zum Ehrenmitglied der deutschen Bläserjugend ernannt und Vaters Most im Keller mit Eigen-Urin veredelt. Die "schwäbische Hochzeitssuppe" aus dem Päckle findet in den schwäbischen Argusaugen eines Wulf Wager keine Gnade und fällt in die Kategorie "aktive Sterbehilfe". Nicht viel besser ergeht es Karl Moik und Gotthilf Fischer. Deren "volksdümmliche" Musik gilt als "akustische Umweltverschmutzung".

Hinter allem Klamauk jedoch verbirgt sich ein überaus ernstes Anliegen der Stäffelesgeiger. Im ganzen Ländle haben die Musiker Tanzbodenstücke, Ländler, Walzer und Wirtshauslieder gesammelt. Traditionelles Liedgut, dem das Aussterben droht, bringen die Komödianten-Musikanten publikumswirksam auf teilweise alten Instrumenten wie Sackpfeife oder Hackbrett unters Volk. Ein vermeintlich altbackener Ladenhüter wird zum Publikumsschlager. Hier wird nicht mit erhobenem Zeigefinger aufs alte Brauchtum verwiesen, sondern zünftig zelebriert: ohne Samthandschuhe, kumpelig-zupackend und in rotbackig-guter "Trollinger"Laune.

Die von den Stäffelesgeigern aufgeworfene Frage, was echtes Schwabentum eigentlich ausmacht, lässt sich am Ende des bestens besuchten Abends auf der Burgruine leicht beantworten. Nicht Kehrwoche, Gaisburger Marsch oder gar der "Mostriebel", sondern der deftige, urwüchsige Humor. Es braucht keine Moiks, Fischers und Co. - die Stäffelesgeiger reichen. Die Menschen sind authentisch, die Musik ist echt und die Freude der Besucher auch. Hier wird gelacht, geklatscht und gesungen. Ganz wie im schwäbischen Wirtshaus eben. Bei einem guten Viertele Trollinger.  

Südwestpresse, Montag 16.08.2004